Dr. Ulrich Stephan
Die Finanzhilfen für Griechenland halten Europa in Atem, die US-Konjunktur schwächelt, der Nahe Osten bleibt ein Krisenherd. Dr. Ulrich Stephan, Global Chief Investment Officer Privat- und Geschäftskunden der Deutschen Bank, erklärt, wie die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken jetzt reagieren – und was steigende Zinsen für den Anleger bedeuten.
Wird die Europäische Zentralbank auf ihrer nächsten Sitzung am 7. Juli den Leitzins erhöhen?
Stephan: Im April hat die EZB zum ersten Mal seit Sommer 2008 ihren Leitzins angehoben und damit eine Zinswende eingeleitet. Ich erwarte, dass im Juli der nächste Schritt folgen und der Leitzins von 1,25 auf 1,50 Prozent erhöht wird.
Was bedeutet das für die Konjunktur im Euroraum?
Die EZB erwartet trotz Schuldenkrise eine positive Entwicklung der europäischen Wirtschaft und will mit einem erneuten Zinsschritt Inflationsrisiken entgegentreten. Tatsächlich wächst die Wirtschaft im Euroraum, mit einem Plus von voraussichtlich 1,9 Prozent in diesem Jahr, aber regional unterschiedlich. Der wichtigste Wachstumsmotor ist Deutschland mit einem prognostizierten BIP-Wachstum von 3,3 Prozent. Allerdings darf die EZB die Zinsen nicht zu schnell anheben, denn die Konjunktur in den Krisenländern bleibt labil.
Die amerikanische Notenbank Fed versucht seit zweieinhalb Jahren, das US-Wachstum mit einer Null-Zins-Politik anzukurbeln. Wird sie diese Strategie weiter verfolgen?
Stephan: Ja, denn die jüngsten Konjunkturdaten aus den USA waren eher enttäuschend; auch Arbeitsmarkt und Konsum sind hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Aus meiner Sicht wird die Fed daher frühestens Anfang 2012 über einen Zinsschritt nachdenken.
Wie sieht es in den Schwellenländern aus?
Stephan: Viele Schwellenländer müssen mit hoher Inflation kämpfen, ihre Notenbanken haben daher die Leitzinsen bereits kräftig angehoben. Dieser Zyklus ist zum Teil weit fortgeschritten: In China dürfte die Inflation schon in der zweiten Jahreshälfte 2011 wieder zurückgehen. Zusammen mit einem anhaltend starken Wachstum und einer niedrigen Verschuldung spricht dies auf Dauer für Aktien und Anleihen aus den Schwellenländern.
Wird mit den steigenden Zinsen auch Tagesgeld wieder attraktiv?
Stephan: Nicht als Teil der langfristigen Vermögensstrategie, denn die Realverzinsung täglich verfügbarer Geldmarktanlagen bleibt negativ. Das heißt, nach Inflation und Steuern verlieren die Anleger Geld. Vorsichtige Investoren können Tagesgeld aber nutzen, um Vermögen vorübergehend zu parken.
Welche Alternativen gibt es für Anleger?
Stephan: Das kommt auf den Anlagehorizont und das individuelle Risikoprofil an. In nächster Zeit werden politische Entwicklungen die Märkte stark beeinflussen. So diskutiert Europa über die weitere Ausgestaltung der Hilfen für Griechenland, der Nahe Osten bleibt ein Krisenherd und in den USA müssen sich die Parteien über eine Anhebung der staatlichen Schuldengrenze einigen. Dies kann über den Sommer zu erhöhter Volatilität am Aktienmarkt führen. Langfristig gilt: Schwächephasen an der Börse können Einstiegschancen bieten, denn der globale Wachstumstrend ist intakt. Aktuell sind Aktien gegenüber anderen Anlageklassen preiswert.
Welche Regionen bevorzugen Sie aktuell?
Stephan: Vor allem die asiatischen Schwellenländer bieten auf längere Sicht gute Perspektiven. In Europa bleibt Deutschland dank des nachhaltigen Aufschwungs attraktiv. Generell sind europäische Aktien zurzeit sehr günstig zu haben, dem stehen aber auch konjunkturelle Risiken durch die Schuldenkrise gegenüber. Anlegern, die sich hier engagieren wollen, empfehle ich konservative Dividendenwerte und einen regionalen Schwerpunkt in Kern- und Nordeuropa, aber auch die USA sind nicht zu vergessen. Die Gewinneinschätzungen der letzten Wochen haben sich dort am besten entwickelt. Risikobereite Anleger können auf den Wiederaufbau in Japan setzen.










