Wie frei ist Audi? Diese Frage stellen sich viele, nachdem ein Ingolstädter Antriebskonzept für den A1 in Wolfsburg als Anarchoprojekt bezeichnet worden sein soll.
"Der A1 ist ein Polo mit vier Ringen, ein umetikettierter Volkswagen!" das ist in einem Beitrag eines Lesers in der Online-Ausgabe eines bekannten Automagazins zu lesen. Vielleicht wissen zu viele Menschen inzwischen, dass nach der VW-Philosophie sich die einzelnen Konzernmarken möglichst au einem gemeinsamen Baukasten bedienen sollen. Also ist Audi immer ein Stück VW. Das gilt auch für Porsche. Und nun haben diese Premium-Hersteller Angst, das eigene Image könnte dadurch verwässert werden - ein Rückschlag im Kampf mit Mercedes und BMW. Manche meinen gar, der nicht überall befriedigende Absatz des neuen A1 sei mit diesem Image-Problem zu begründen.
Wo werden die Autos gebaut?
Dabei hat Audi bekanntlich viel vor und möchte BMW überholen. Die Münchner bauen zur Zeit noch ca. 400.000 Fahrzeuge mehr als die VW-Tochter. "Diese zusätzlichen 400.000 Fahrzeuge werden künftig nicht in Ingolstadt oder Neckarsulm gebaut!" Das erklärte der EU-Kommissar und frühere baden-württembergische Ministerpräsident Günter Oettinger am Montag beim Neujahrsempfang der CSU in Ingolstadt. In einer glänzenden Rede warf er auch einen Blick auf die Entwicklung der Automobilindustrie im Spannungsfeld zwischen Europa und China/Asien. Die Produktion wird in die Absatzmärkte wandern. Da ist es beruhigend, dass Audi kürzlich bei der Verkündung eines milliardenschweren Investitionsprogramms erklärt hat, von den geplanten 11,6 Milliarden Sachinvestitionen im Zeitraum 2011 bis 2015 würden mehr als 5 Milliarden in die deutschen Standorte fließen.
Audi will Eigenständigkeit
Beruhigend auch, dass sich das Ingolstädter Unternehmen offensichtlich konzernintern auf die Hinterfüße stellt, um seine Eigenständigkeit zu betonen. Allerdings kämpfen alle Konzerntöchter wohl auf verlorenem Posten, wenn sie Ziele anstreben, die dem VW-Boss Martin Winterkorn oder genauer noch dem Meister aller Klassen im Konzern, Ferdinand Piech, widerstreben. Dass der Ober den Unter sticht, erlebten Audi und sein Personalvorstand Werner Widuckel. Weil er VW nicht mehr genehm war, wurde Widuckel durch Thomas Sigi ersetzt.
So bezweifeln Insider auch, dass Audi wirklich konzernintern die reale Chance erhalten wird, das Wankel-Konzept beim Hybrid-Antrieb durchzusetzen.
"Audi rebelliert gegen Volkswagen - Der Ingolstädter Hersteller will mit einem eigenen Antrieb für Elektroautos in Serie gehen. Darüber ist die Konzernmutter in Wolfsburg verärgert. "Anarchoprojekt" schimpft man dort - und verlangt eine gemeinsame Strategie für alle Marken." Das meldete kürzlich die Financial Times Deutschland (FTD). In Ingolstadt plant man die Serienfertigung von Autos mit einem Wankelmotor, der den Akku des Elektromotors während der Fahrt wieder auflädt, wenn der in den Auto-Akkus gespeicherte Strom verbraucht ist. Antriebsaggregat wäre aber letztendlich der Elektromotor, der Wankel hätte die Funktion eines "Energieversorgers". Anders das VW-Konzept: Die Wolsfburger setzen auf den konventionellen Hybridantrieb, bei dem Elektro- und Verbrennungsmotoren das Auto gemeinsam antreiben, oder auf reine Elektrofahrzeuge.
Vorsprung durch Wankel?
Das Wankelmotor-Konzept hatte Audi bereits auf Automobilmessen in der Elektroauto-Studie A1 E-Tron präsentiert. Dazu nochmals die FTD:
"Für Audi-Chef Rupert Stadler ist es ein wichtiges Prestigeprojekt. Denn technologisch ist der Hersteller aus Ingolstadt hinter die Rivalen BMW und Daimler zurückgefallen. Während beide seit Jahren Hybridmodelle anbieten, kommt Audi erst 2011 mit Autos auf den Markt, die Verbrennungs- und Elektromotor kombinieren - allerdings noch in konventioneller Bauart."
Mit "Vorsprung durch Technik" ist es also bei der Entwicklung neuer Antriebskonzepte nach Meinung vieler Medien bei Audi nicht weit her. Um so wichtiger ist es, dass Audi jetzt eigene Akzente bei der Entwicklung neuer Antriebstechniken setzen kann.
Für Volkswagen ist der Audi-eigene Weg ein "Anarchokonzept". Vor allem dem Elektrobeauftragten des Konzerns, Rudolf Krebs, passe er nicht ins Konzept, schreiben Wirtschaftsmedien. Dabei wäre gerade im Kampf mit BMW die Audi-Strategie gut: Setzt sich nämlich Audi konzernintern durch, könnte der A1 E-Tron mit dem Wankel-Elektro-Antrieb bis 2013 in Serie gehen. Und für 2013 plant nämlich BMW den Start des Megacity Vehicle, eines sehr leichten Elektroautos für den Stadtverkehr. Um wenigstens einen "Gleichstand beim Antrieb" bieten zu können, müsste Audi den A1 E-Tron auf den Markt bringen.
Umbruch in der Autoproduktion
Zurück zu Günther Oettingers Rede in Ingolstadt: Er war als Ministerpräsident des Nachbarlandes schon immer mit der Zukunft der Automobilindustrie befasst: Mercedes, Porsche und Audi in Neckarsulm gehörten zu seinem "Machtbereich". So ist es sehr ernst zu nehmen, wenn Oettinger Umwälzungen in der Auto-Produktion prophezeiht, die vor allem die mittelständischen Zulieferer und damit auch unsere Ingolstädter Region schmerzlich treffen werden: "30 bis 50 Prozent der Bauteile, z. B. Kühler und das herkömmliche Geriebe, aber auch die Auspuffanlage, fehlen beim reinen Elektroauto", stellte Oettinger in seiner Ansprache beim CSU-Neujahrsempfang fest.
Das sind überwiegend Teile, die von den Zulieferern kommen. Da stellt sich die beunruhigende Frage, was aus diesen mittelständischen Produzenten wird, wenn diese Teile wegfallen. "England war einmal die Wiege der Industrie. Es hat die industrielle Fertigung weitgehend verloren...Wir müssen "JA" zur Technik sagen und in den Wettbewerb gehen, wir brauchen Leistungsbereitschaft und dürfen keine "Generation der Erben" werden... Entscheidend wird sein, wer das Auto der Zukunft gestaltet und dass Europa im Wettbewerb mit China das Innovationszentrum bleibt", Oettinger sprach es sachlich aber knallhart aus. Im Grunde geht es gar nicht mehr um einen Vorsprung, sondern darum, den Anschluss im internationalen, globalen Wettbewerb nicht zu verlieren. Bleibt zu hoffen, dass das Auto der Zukunft auch künftig in Ingolstadt mitgestaltet werden wird und wir technologisch, damit auch ökologisch (neue Antriebstechnologien beim Autobau haben doch ökologische Wurzeln) den Anschluss nicht verlieren. Sonst gehen in der Region möglicherweise die Lichter aus und Ingolstadt wird wieder, was es vor einigen Jahrzehnten war, eines der Armenhäuser Bayerns. hk










