Zum Stand des vorläufigen Insolvenzverfahrens bei Petroplus in Ingolstadt
(zel) Wie geht es nach der Pleite von Petroplus mit der Raffinerie in Ingolstadt und den Beschäftigten weiter? Zwar wird die Produktion, die ohnehin zuletzt nicht einmal mehr auf halber Kraft und seit einigen Tagen sogar nur mehr auf 30 Prozent lief, im Laufe der nächsten zwei Wochen so gut wie komplett heruntergefahren. Doch zugleich gibt es offenbar durchaus viel versprechende Signale von potenziellen Investoren aus aller Welt. Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) lobte bereits das Engagement des vorläufigen Insolvenzverwalters Michael Jaffé.
„Der akute Infarkt ist abgewendet, wir können den Betrieb nun in einen stabilen Zustand überführen.“Mit diesen Worten fasste Gerhard Fischer, Geschäftsführer der Raffinerie und von Petroplus Deutschland,den Stand der Dinge zwei Wochen nach dem Insolvenzantrag zusammen.Nach dem Insolvenzantrag für die deutschen Tochtergesellschaften der Schweizer Petroplus Holdings AG, des größten unabhängigen Raffineriebetreibers in Europa, läuft nun bereits die Investorensuche auf Hochtouren, so Fischer und Jaffé. „Es haben sich bislang schon zahlreiche strategische wie auch Finanzinvestoren aus dem internationalen Geschäftsumfeld gemeldet, die Interesse an der Raffinerie sowie am Geschäftsbetrieb von Petroplus Deutschland haben.“
„Um die Raffinerie sowie die verbundenen Logistik- und Vertriebseinheiten fortführen zu können, brauchen wir einen Investor. Deshalb liegt der Schwerpunkt unserer Anstrengungen nun auf dem Investorenprozess.“ Das teilten Fischer und Jaffé in einer am Mittwoch von Petroplus veröffentlichten Erklärung mit. Darin heißt es auch: „Obwohl anfangs keinerlei freie Liquidität vorhanden war und der Geschäftsbetrieb zu kollabieren drohte, gelang es der Geschäftsführung zusammen mit dem Team des vorläufigen Insolvenzverwalters in den vergangenen Tagen, die Situation bei den deutschen Petroplus-Gesellschaften unter Kontrolle zu bringen.“
Das Management und das Team um den Sanierungsexperten Jafféhaben nach eigenen Angabenbereits intensive Gespräche mit potenziellen Geldgebern sowie Kunden und Lieferanten geführt. „Dabei zeigte sich, dass für die Raffinerie in Ingolstadt offensichtlich großes Interesse von Investoren aus allen Teilen der Welt besteht.“ Nach der ersten Kontaktaufnahme werde der entsprechende Investorenprozess derzeit „intensiv vorbereitet“. Qualifizierten potentiellen Bietern solle „sehr zeitnah die Möglichkeit gegeben werden, weiterführende Unterlagen einzusehen“.
In den vergangenen Tagen bestätigte sich laut Fischer und Jaffé, dass die Fortführung der Produktion in der Raffinerie mit einer auf weniger als die Hälfte reduzierten Auslastung für die deutschen Petroplus-Gesellschaften als „Stand-alone-Lösung“ ad hoc aus wirtschaftlichen und technischen Gründen nicht realisierbar ist. Bislang waren die deutschen Petroplus-Gesellschaften bei der Rohölbeschaffung wie auch bei der Finanzierung, beim Risikomanagement und bei der Informationstechnologie in die Schweizer Muttergesellschaft eingebunden. „Durch die voneinander unabhängigen Insolvenzverfahren stehen den deutschen Petroplus-Gesellschaften die bisher durch die Schweizer Gesellschaft zentral koordinierten Serviceleistungen derzeit nicht mehr zur Verfügung“, erläutert Geschäftsführer Fischer.
Das hat Folgen:Da die weitere Rohölversorgung der Raffinerie so nicht mehr zu gewährleisten gewesen sei, wird die Raffinerie seit Donnerstag nach und nach in einen „optimierten Stand-by-Betrieb versetzt“ und laut Jaffé-Sprecher Sebastian Brunner in rund zwei Wochen dann auch nicht mehr produziert. Die Anlagen laufen dann in einem „sicheren Warmhaltebetrieb“, wie es heißt, könnten aber bei Bedarf binnen weniger Tage wieder voll hochgefahren werden.Die Raffinerie werde darüber hinaus durch Wartungsarbeiten für den Investorenprozess vorbereitet. „Wir erhalten damit eine voll funktionsfähige Einheit. Das ist ein wichtiges Argument für die Gespräche mit potenziellen Investoren“, so Fischer.
Die Gesellschaften Petroplus Deutschland GmbH, Petroplus Bayern GmbH und Petroplus Raffinerie Ingolstadt GmbH sowie die Marimpex Mineralöl Handelsgesellschaft als deutsche Holding hatten, wie berichtet, am 24. beziehungsweise 25. Januar infolge der Insolvenz der Schweizer Muttergesellschaft Petroplus Holdings AG ebenfalls Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit stellen müssen. Daraufhin bestellte das Amtsgericht Ingolstadt den Münchner Fachanwalt für Insolvenzrecht und Sanierungsexperten Jaffé zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Seine Kanzlei ist auf komplexe Insolvenzverfahren mit Konzernstrukturen von überregionaler Bedeutung, insbesondere Hochtechnologieunternehmen, spezialisiert. Sie zählt mit rund 30 Anwälten zu den führenden Kanzleien in Deutschland auf dem Gebiet der Insolvenzverwaltung, des Insolvenzrechts, des Prozessrechts sowie den damit im Zusammenhang stehenden Gebieten. 2010 wurde sie von einem Fachmagazin als „Kanzlei des Jahres für Insolvenzverwaltung“ ausgezeichnet.
Zu den bekanntesten Insolvenzverfahren von Jaffé zählen KirchMedia, einer der größten europäischen Medienkonzerne, sowie der weltweit agierende Speicherchip-Konzern Qimonda. Darüber hinaus gelang es ihm, in den vergangenen Jahren unter anderen die Sanierung des Wohnwagen-Produzenten Knaus Tabbert, der Grob Aerospace sowie der Cinterion Wireless Modules Holding GmbH erfolgreich abzuschließen. In Ingolstadt hat Jaffé für den Damenmode-Hersteller Rosner eine Fortführungslösung unter Beteiligung neuer Investoren realisiert.
Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil(FDP) lobte am Mittwoch die Arbeit von Jaffé: Er habe„mit großem Engagement erreicht, dass die Raffinerie in Ingolstadt in einen geordneten Stand-by-Betrieb überführt werden kann“. Unter dem Aspekt eines anschließenden Investorenprozesses seidas„ein insgesamt positives Zwischenergebnis“.Der Stand-by-Betrieb „muss keinesfalls das Ende der Raffinerie in Ingolstadt bedeuten“, so Zeil. Zunächst gehe es darum, die komplexen Prozesse und technischen Anlagen geordnet weiterzuführen. Jaffé verfolge das Ziel, die Raffinerie an einen geeigneten Investor zu veräußern. „Jeder potenzielle Investor kann dann die Prozesse zu dem von ihm gewünschten Zeitpunkt wieder anfahren.“Der Minister hofft, dass es noch vor Ablauf des Zeitraums, in dem Insolvenzgeld gezahlt wird (Ende März), im Interesse der Beschäftigten und ihrer Familien zu einer tragfähigen Fortführungslösung kommt. Nach Auslauf des Insolvenzgeld-Zeitraums müssen die Löhne wieder von Petroplus bezahlt werden. Wie Jaffé-Sprecher Sebastian Brunner auf Anfrage erklärte, bleiben bis zum Ende des vorläufigen Insolvenzverfahrens Ende März alle Mitarbeiter an Bord.
Petroplus Bayern und Petroplus Deutschland verkaufen indes weiterhin Öl, wie Brunner bestätigt. Dabei handle es sich um Restbestände.
Petroplus war bislang nach eigener Darstellung mit einem Gesamtjahresumsatz von über 20 Milliarden US-Dollar der größte unabhängige Raffineriebetreiber in Europa; mit Produktionsstandorten in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz. Die Petroplus Deutschland GmbHals eine der wesentlichen operativen Gesellschaften des Konzerns machte 2010 mit Erdölprodukten – vor allem Treibstoffen und Heizöl - einen Umsatz von über 4,2 Milliarden Euro. Alle deutschen Petroplus-Gesellschaften haben dabei trotz schwieriger Marktverhältnisse operativ Gewinne erwirtschaftet, heißt es. Wichtigster Standort in Deutschland ist Ingolstadt, wo nicht nur die Raffinerie ihren Sitz hat, sondern von wo aus unter anderem Ölgesellschaften, Tankstellen, Industrieunternehmen, Wiederverkäufer und Heizungskunden vor allem in Süddeutschland versorgt werden. Petroplus Ingolstadt war bislang für Bayern und Österreich ein wichtiger Versorgungspunkt für Mineralölprodukte und deckte nach eigenen Angaben bis zu 40 Prozent (etwa bei Bitumen) des Angebots ab. Bei Benzinen waren es demnach rund 30 Prozent, bei Diesel 25 und bei Heizöl 22 Prozent.










