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Mittwoch, 23 Mai 2012

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Französisches Roulette

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Cassidian: Eurofighter-Deal geplatzt? Zwischen Perspektivlosigkeit und Hoffnung.

Verunsicherung bei Cassidian: Nachdem bekannt geworden ist, dass sich Indien vermutlich gegen den Kauf von 126 Eurofightern und stattdessen für den Erwerb französischer Kampfflugzeuge vom Typ Rafale entscheidet, macht sich Sorge unter den 4000 Angestellten in Manching breit. Zwar hätte der geplatzte Milliardendeal nach Unternehmensangaben kurz- und mittelfristig keine Auswirkungen auf den Standort und die Arbeitsplätze, denn die Eurofighter-Produktion ist bis 2017 gesichert. Doch wie geht es dann weiter? Während der Betriebsrat von „Perspektivlosigkeit“ der Angestellten berichtet, hofft man in der Führungsetage, dass im Ringen um den Indien-Auftrag das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Unterschrieben ist jedenfalls noch nichts. Und auch die französischen Präsidentschaftswahlen spielen eine Rolle.
Die Rüstungssparte Cassidian des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS hat ihren Sitz in Manching. Dort sind nach Konzernangaben rund 4000 Menschen beschäftigt. In den vergangenen Jahren wurden laut Sprecher Theodor Benien über 300 Eurofighter nach Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien, Österreich und Saudi-Arabien ausgeliefert. Doch den Zuschlag für den Großauftrag aus Indien bekommt wohl das französische Unternehmen Dassault. Dabei ist dessen Modell Rafale nicht gerade ein Kassenschlager. In Berlin herrscht, so berichtet Spiegel-online, Unverständnis darüber, dass man in Neu-Delhi dem Eurofighter ausgerechnet eine Maschine vorziehen will, die bislang im Ausland noch keinen Abnehmer fand. Mit Marokko, Brasilien, der Schweiz und den Vereinigten Arabischen Emiraten seien die Verhandlungen gescheitert. Und auch den Praxistest der Rafale im Lybien-Krieg halten laut Spiegel viele Beobachter nicht für besonders erfolgreich.
Doch offenbar hat das französische Unternehmen den Indern ein ungeheuer lukratives Angebot gemacht. Der Deal soll zwischen zehn und 15 Milliarden Euro schwer sein. Die „Times of India“ hat ihn zur „Mutter aller Rüstungsgeschäfte“ stilisiert – und Cassidian könnte zum verlorenen Sohn werden. Aber die Führungsetage des Konzerns gibt nicht auf. „Es gibt noch keine definitive Entscheidung“, betont Sprecher Benien. „Wir werden weiterhin in Gesprächen mit den zuständigen Behörden in Indien bleiben.“

Sicherheit bis 2017

Der Ingolstädter Bundestagsabgeordnete Reinhard Brandl (CSU), der auch im Verteidigungsausschuss sitzt, zeigte sich „total überrascht“, dass Indien dem Konzert Dassault den Vorzug gibt. Die Dauer der nun anstehenden Verhandlungen zwischen Frankreich und Indien schätzt er auf sechs Monate. Während dieser Zeit, am 22. April, findet in Frankreich die Präsidentschaftswahl statt. Amtsinhaber Nicolas Sarkozy, der wieder gewählt werden will, habe bei seinem Amtsantritt versprochen, Flugzeuge vom Typ Rafale zu verkaufen. Das scheint er nun geschafft zu haben. Unklar ist, wie stark der Flugzeug-Deal auf Sarkozys Geheiß hin subventioniert wird. Ob es tatsächlich zum Zuschlag für Frankreich kommt, hänge vom Verlauf der Verhandlungen, aber auch vom Ergebnis der Präsidentschaftswahl ab, so Brandl. In Richtung Cassidian sagt er: „Noch ist nichts vorbei.“
Bei den Angestellten in Manching ist dennoch die Verunsicherung groß. „Sie sind sehr enttäuscht und es herrscht eine gewisse Perspektivlosigkeit“, sagt Betriebsratschef Thomas Pretzl. „Die Eurofighter-Produktion ist durch das gegenwärtige Auftragsbuch bis 2017 gesichert“, so Sprecher Benien. Das bestätigt Pretzl, ergänzt aber auch: „Wie es dann weitergeht, wissen wir nicht wirklich.“ Pretzl ist zugleich Gesamtbetriebsratschef der EADS Deutschland GmbH, bei der er auch Vize-Vorsitzender des Aufsichtsrats ist. Er sprach von einem „schwarzen Tag für Manching“, als die Nachricht vom wahrscheinlich geplatzten Geschäft mit Indien publik wurde. „Das kommt sehr unvorhergesehen.“ Alle Signale hätten darauf hingedeutet, dass Cassidian den Auftrag bekommt.
„Nur negative Nachrichten seit zwei Jahren“, klagt Pretzl. Angefangen habe es mit den Umstrukturierungsplänen der Bundeswehr. Hinzu komme, dass die Verteidigungs-Budgets in Europa sinken. Der Indien-Deal hätte ein Schritt zur Erschließung neuer Märkte sein können. Das unterstreicht Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). „Angesichts der Kürzungen im Rahmen der Bundeswehrreform, die auch die Beschaffung des Eurofighters betreffen, ist es notwendig, diesen Minderbedarf durch Exporte auszugleichen“, sagt er. „Nur so können wir die Beschäftigten und die Wertschöpfung in Deutschland und in Bayern halten.“ Aber „die Hoffnung auf den Befreiungsschlag durch den Sprung in die Globalisierung“ sei nun erst einmal gedämpft, so Pretzl. Und Zeil betont, dass von der Entscheidung in Indien nicht nur Cassidian, sondern auch eine Vielzahl mittelständiger Zulieferfirmen betroffen sei. In ganz Europa sind, inklusive der mittelständischen Industrie, rund 100 000 Mitarbeiter im Eurofighter-Programm beschäftigt.

Unbemannte Hoffnung

Zeil hat nach eigenen Angaben bereits 2010 darauf hingewiesen, „dass die Exportmöglichkeiten des Eurofighter-Systems auch durch konkurrenzfähige technische Lösungen verbessert werden sollten“. Um den Standort Manching über 2017 hinaus zu sichern, müsse EADS/Cassidian zusätzliche Eurofighter-Aufträge akquirieren und neue Produkte entwickeln.
Ein Beitrag zur Zukunftssicherung könnte die Eurofighter-Tranche 3b sein. Für Manching würde das den Bau von 37 weiteren Maschinen bedeuten, so Pretzl. Doch noch sei nichts entschieden. Außerdem hofft man, den Auftrag für die Wartung der Militärmaschinen Airbus A400M holen zu können. „Das wären 400 feste Arbeitsplätze.“ Und nicht zuletzt ruhen die Hoffnungen auf dem Drohnen-Projekt Talarion. CSU-Politiker Brandl weiß: „Durch die Entscheidung aus Indien steigt der Druck zum Einstieg ins unbemannte Fliegen.“ Denn wenn die Eurofighter-Produktion auslaufe, brauche Cassidian ein Folge-Projekt. (zel)

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